Ich bin eine wütende Frau im Internet. Ich habe genug von erfundenen Diagnosen und daraus abgeleiteten Fehlbehandlungen. Ich möchte meine Geschichte erzählen. Meine Geschichte ist individuell, es ist schließlich meine Geschichte. Aber meine Geschichte ist kein Einzelfall, sie ist eher die Regel als eine Ausnahme. Es ist nicht allein mein persönliches, individuelles Problem sondern ein strukturelles.
Ich bin Psychiatrie-Überlebende. Ich bin Opfer eines Bereichs der Medizin, der das griechische Wort „Psyche“ (zu deutsch Geist, Seele, Gemüt) im Namen trägt, mit psychischer Gesundheit aber doch erstaunlich wenig zu tun hat. Ich bin auch eine Kämpferin sonst wäre ich höchstwahrscheinlich nicht mehr hier. Ich kann mich froh und glücklich schätzen, zum richtigen Zeitpunkt ein Forum von anderen Betroffenen, ich möchte eigentlich sagen anderen Geschädigten von Psychopharmaka gefunden zu haben. Sonst würde ich wahrscheinlich auf einem neuen, großartigen Medikamentencocktail sitzen und nicht - was schon schlimm genug ist - auf einer eher überschaubaren (keinesfalls geringen, auch wenn Ärzt*innen das so darstellen möchten) Dosis einer dieser gefährlichen Substanzen. Das Absetzen dieses wird aufgrund meiner durch Ärzt*innen verursachten medikamentösen Vorgeschichte dennoch höchstwahrscheinlich extrem schwierig und leidvoll werden. Ich bin froh in der akutesten Phase meines Leidens die durchgehende Unterstützung meines Mannes, meiner Eltern, meiner Tanten, meiner Cousinen und einiger lieben Freundinnen gehabt zu haben. Ich weiß nicht, wie es ansonsten ausgegangen wäre. Ebenso froh bin ich, eine*n der ganz wenigen verständigen Ärzt*innen, die es in Deutschland für dieses Thema gibt, an meiner Seite zu haben, der*die mir (und zeitweise auch meiner Familie) mit Rat und Tat zur Seite steht. Für all diese Menschen in meinem Leben bin ich unendlich dankbar.
Wenn man sich in unendlicher Not mit fürchterlichen, zuvor nie dagewesenen Symptomen und Ausmaßen an Symptomen an Ärzt*innen, Therapeut*innen und medizinisches Personal wendet und diese einem erklären, alle Symptome seien rein psychisch bedingt, man sei einfach psychisch sehr sehr krank; Wenn man wieder und wieder gesagt bekommt, diese „Medikamente“ würden nicht körperlich abhängig machen, und mein Bestehen darauf, dass die Symptome von den, nach ärztlichem Rat viel zu schnell abgesetzten Medikamenten kommen, seien nun psychotische Symptome, dann kann man ganz schnell jegliche Hoffnung verlieren. Man kann jeglichen Glauben in die sog. evidenzbasierte Medizin, an das Gute im Menschen oder an Gerechtigkeit verlieren. Wenn einem erklärt wird, gegen diese "Gedanken" gäbe es ebenfalls ganz tolle "Medikamente", die natürlich auch nicht körperlich abhängig machen, dann erklärt der*die Ärzt*in damit nur, dass er*sie ziemlich wenig Sachverstand von der Wirkweise dieser Substanzen (Neuroleptika bzw. Psychopharmaka im Allgemeinen) hat. Kein Medikament kann Gedanken ändern. Neuroleptika können, nebst weiterer unerwünschter Wirkungen, Gefühle sehr stark dämpfen. Und ein Sachstreit ist keine Psychose. Wo kämen wir denn dann hin? Haben dann alle Menschen, die von der Wirksamkeit der Homöopathie überzeugt sind, etwa eine Psychose?
Oftmals wird als Begründung, dass diese Substanzen nicht körperlich abhängig machen die Begründung herangezogen, dass es ja bei den Einnehmenden kein Verlangen gibt, sich ständig mehr von dieser Substanz zuzuführen. Sind dann Raucher*innen, die jeden Tag dieselbe Menge an Zigaretten rauchen etwa auch nicht Nikotin abhängig? Nebenbei ist die körperlich abhängig machende Wirkweise dieser "Medikamente" längst den Pharmafirmen bekannt. Was diese zunächst einige Zeit erfolgreich bei Benzodiazepinen geschafft haben zu vertuschen, versucht man nun eben bei den restlichen Psycho-Pillen. Die Geschichte wiederholt sich also. Hoffen wir, sie tut das nicht mehr all zu lange.
Was bleibt nun übrig? Was bleibt mir übrig? Was bleibt übrig von mir? Wenn ich all die jahrelangen, von Medikamenten und deren Absetzerscheinungen erfahrenen Symptome, von denen ich dank mir angehefteter Diagnosen stets glaubte, sie wären meine, sie wären psychischer Natur, mit meiner Psyche, ja mit mir selbst sei etwas grundlegend nicht in Ordnung, abziehe? Was bleibt dann? Es fühlt sich an wie eine existenzielle Krise, wie eine Identitätskrise, wie ein Suchen nach Antworten, das dann doch selbst ständig weitere Fragen hervorruft, auf die ich (noch) keine Antworten habe. Was bin ich, wie bin ich, wer wäre ich gewesen und geworden, wenn ich niemals Opfer der Psychiatrie geworden wäre? Ich empfinde mittlerweile neben sehr viel Wut auch sehr viel Scham. Scham darüber, dass ich jemals zu glauben wagte, dass irgendwelche Pillen bei psychischen Problemen helfen können. Wie sollten sie denn? Wenn mentale Gesundheit zum Beispiel durch unsägliche Lebensbedingungen, schlechte Arbeitsbedingungen, strukturelle Diskriminierung, Gewalt und vielem mehr Schaden erlangt, wie könnte eine Pille dagegen helfen? Welche Substanz ist in der Lage dazu, aus Armut Reichtum zu machen, aus einem jähzornigen, unfairen Chef einen guten, misogyne Gesetze und Normen abzuschaffen und zu ändern? Selbstverständlich keine. Wie effektiv ist aber genau dieser Trugschluss, Pillen helfen der Psyche, in meinem sowie im Kopf der allermeisten Menschen, gar der ganzen Gesellschaft, verankert worden und zwar seit Jahren? Mein Verstand weiß, dass es nicht meine Schuld war, Ärzt*innen, die mir von chemischem Ungleichgewicht (noch im Jahr 2021!!) erzählt haben zu glauben, schon gar nicht als 19-Jährige, wo mir zum ersten Mal mit Pillen "geholfen" wurde. Gleichzeitig wurde mir damit auch vermittelt, dass mit mir und meiner damals wohl recht schüchternen, zurückhaltenden Art etwas nicht stimmte (ein nicht ganz so funny fun fact: das mir damals verabreichte Medikament Paroxetin oder Paxil wurde von den Pharmafirmen explizit als "anti-shy pill" vermarktet. Natürlich ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage, aber das ist ja geschenkt <Quelle einfügen>). Dass es "nicht normal" ist, vor größeren Lebensveränderungen wie einem Studium Angst zu haben. Dass ich endlich zu einem "normal funktionierenden Menschen" gemacht werden kann, und zwar mit bunten Pillen. Ich weiß, dass mich letztlich keine Schuld trifft. Den Schaden dieser ganzen Geschichte(n) baden aber ich, mein Mann und meine Angehörigen aus. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich versagt. Am wichtigsten Punkt meines Lebens hätte ich versagt. Zu wenig gewusst, zu wenig nachgedacht, zu wenig reflektiert; wobei mir doch den Rest meines Lebens genau das negativ ausgelegt wurde: zu nachdenklich zu sein, zu selbstkritisch, zu wissbegierig.
Manchmal führt all das Erlebte aber auch zu unendlicher Traurigkeit und Trauer in mir. Trauer über das, was mir als sehr junger Frau mit 19 Jahren angetan wurde, als ich zum ersten Mal einen Psychiater besuchte. Was mir vermittelt wurde. Was mein Körper seit dem zu erleiden hat. Und Traurigkeit über das unsägliche Leid, welches ich und meine Angehörigen letztes Jahr in der Akutphase erleiden mussten, und gleichzeitig verlacht und verspottet zu werden von Ärzt*innen, Therapeut*innen, medizinischem Personal im Allgemeinen. Ich bin traurig über die ganzen Dinge, die ich erleiden musste und bis heut erleide, wenn mich wieder Ärzt*innen respektlos behandeln. Wenn sie mir meine Selbsteinschätzung und Selbstbestimmung absprechen, ihre Macht demonstrieren indem sie entscheiden können, ob und wann ich nach über einem Jahr schlimmen Leidens endlich mal wieder zu meinen eigenen Kosten Urlaub machen darf, was selbstverständlich meiner Genesung dient. Indem sie entscheiden, wann und wieviel von meiner kostbaren Lebenszeit ich in ihren Wartezimmern und Sprechzimmern verbringen muss. Nach all meinem Leiden im letzten Jahr, setzt das dem Ganzen noch die Krone auf. Es ist ein nicht enden wollendes Trauma und Retraumatisieren, durch Menschen, die einen hipokratischen Eid geschworen haben. Wenn Ärzt*innen in ihren Briefen über mich schreiben, mein "Gedankengang sei eingeengt auf überwertige, wahnhaft anmutende Ideen", dann frage ich mich mittlerweile durchaus, ob nicht gegebenfalls die Schreiber*innen solcher Texte wahnhaft sind. Denn welch wahnwitzige Idee ist es denn bitte, sich so allmächtig zu fühlen, zu meinen dass man ohne ernsthaft Patient*innen zuhören zu müssen oder sich auch nur ein einziges Mal mit der aktuellen Forschungslage zu diesen Medikamenten zu befassen entscheiden kann, was einem Menschen angeblich fehlt und wer in diesem Sachstreit recht hat? Wenn eine Wissenschaftsdebatte zu einer plumpen Machtentscheidung, die vom Mächtigeren, sprich dem*der Ärzt*in zu Ungunsten der Patientin qua diffamierender Diagnose verkommt, was ist das dann? Wenn Ärzt*innen meinen, einer Patientin mit ihren Worten und ihrem Verhalten nicht einmal das bare minimum an Respekt und Menschenwürde zukommen lassen zu müssen, wie abgehoben und unmenschlich ist das? Wenn mir jeder Chat mit ChatGPT empathischer vorkommt. Wenn ich Ärzt*innen seit Jahren erkläre, dass ich nicht und nie antriebslos war sondern viel mehr unruhig, angespannt (eine bekannte Nebenwirkung der Medikamente und ebenso ein Absetzsymptom), es aber dennoch in jedem geschrieben Papier von ihnen auftaucht, wie ist das dann zu verstehen? Was gibt mir das zu verstehen? Und wem fallen Zuhören und Verstehen scheinbar irgendwie schwer? Das macht mich glücklicherweise dann wieder unheimlich wütend. Wut ist ein gutes Gefühl, es ist ein aktives Gefühl, es ist ein Gefühl, das man auf positive Art und Weise gegen Ohnmacht nutzen kann. Genau das möchte ich tun. Und darum schreibe ich diese Geschichten.
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