Zerrissen und Zerbrochen - oder Kintsugi

Ich bin eine wütende Frau im Internet. Ich bin zerrissen und zerbrochen. Es ist nichts mehr wie zuvor. Und doch hat sich nach außen hin nicht so viel geändert. Wie setzt man sich zusammen nachdem man erst einmal komplett auseinander gefallen ist? Wie macht man Kintsugi aus den Scherben, wenn dieser Scherbenhaufen nichts weniger als man selbst darstellt? Wo anfangen, wo aufhören, sofern es dafür jemals ein Ende gibt. Erst fegen? Oder erst kleben? Oder beides zugleich?

Ich lese, ich recherchiere, ich sauge jede Information, jedes Wort, jede Fußnote auf wie ein Schwamm. Es fühlt sich zugleich befreiend und verstörend an. So viel Einsichten, so viele Erklärungen, und gleichzeitig verstehe ich nichts. Ich verstehe nicht oder ich möchte nicht verstehen, dass 17 Jahre ins Land gegangen sind, in denen ich getäuscht wurde. In denen ich mich habe täuschen lassen und womöglich andere getäuscht habe. 17 Jahre, in denen nicht viel passiert ist und doch eigentlich alles. Prägende Jahre, in denen ich von einer Teenagerin zu einer erwachsenen Frau wurde. Studium, erster Job, zweiter Job. Beziehungen endeten, Beziehungen begannen. Verliebt, verlobt, verheiratet. Erste gemeinsame Wohnung, erste Wohnung gemeinsam verlieren, Haus planen, Haus bauen, Haus beziehen. Die fitteste Version meiner Selbst und die kaputteste. Urlaub gemeinsam, Urlaub alleine, Urlaub mit Freunden, gar kein Urlaub.

 

Wie wird man chronisch depressiv?

Was ist passiert? Wie kann ich 17 Jahre aufarbeiten? 17 Jahre, in denen ich glaubte psychisch schwer und chronisch erkrankt zu sein. Diagnosen über Diagnosen. Generalisierte Angststörung ist ein guter Einstieg für eine erste Diagnose. Was soll das überhaupt sein? Ist es falsch, Angst zu haben, wenn dein Leben an einem entscheidenden Punkt steht, der dein zukünftiges Leben womöglich mehr prägen wird, als es Schule je konnte? Wenn du als junge Frau, die als allererste von ihrer Familie überhaupt die Chance hat zu studieren, daraus etwas machen willst? Wenn du 13 Jahre lang durch Schule klare Rahmen und Regeln erhalten hast. Aber eigentlich nie gelernt und erfahren hast, was dir wirklich Spaß macht, was dich wirklich begeistert, wo dein Leben hingehen soll. Wenn die meisten Fächer in der Schule kein Problem waren, Mathe ist toll, Chemie auch, Latein und Englisch sind aber auch spannend. Nach dem Abitur hat man etwas großes geschafft, aber gleichzeitig auch wieder nichts. Nichts womit man Geld verdienen kann. Und darum geht es doch schließlich? Eine Hürde genommen, die Türen stehen offen. Aber wenn alle Türen offen stehen, welche soll ich dann wählen? Medizin, Pharmazie, Biotechnologie, oder doch Mathematik, Informatik, Ingenieurswesen? Universität, Fachhochschule, Duales Studium? Zu Hause wohnen bleiben oder in die weite Welt hinaus? Freiheit oder Sicherheit? Gewohntes Umfeld und Freund*innen nicht mehr täglich sehen. Mobbingerfahrungen und Misogynie in der Schule oder überall. Ökonomische Unsicherheiten und Schicksalsschläge im familiären Umfeld. Wo geht es hin? Wer bin ich ohne Schule? Wieviel und was kann ich überhaupt? Alles oder nichts? 

Also Generalisierte Angststörung. Generell gestört? Gestörte Angst? Zu viel Angst? Die falsche Angst? Auf jeden Fall nichts was sich normal und gesund anhört. Und auch nichts, was sich temporär anhört. Eine Störung. Mit 19 erklärte mir bei meinem allerersten Termin der Psychiater, ich habe (zu) wenig Selbstvertrauen, und dies wiederum gleiche ich durch Perfektionismus aus. Und deswegen dann die "generalisierte Angststörung" oder wegen der "generalisierten Angststörung". Wer versteht das schon so ganz genau. Natürlich kann man dagegen was tun. Die Angst kann man wegtherapieren mit Pillen und Therapie. Schneller geht es mit Pillen. Ein Studium bereits abgebrochen. Der nächste Versuch muss sitzen. Das eben neu begonnene Studium soll nicht zu leiden haben. Der Mensch muss funktionieren. Also los, gib mir Pillen. Pillen bekommen, Pillen genommen, Therapie begonnen, Therapie abgebrochen. Was will mir diese fremde Frau erzählen? Wieso will sie darüber bestimmen, wie ich leben soll, warum will sie mir sagen wann ich Sport machen soll? Pillen weggelassen, 2 Wochen Schwindel, Kreislaufprobleme. Einige  Wochen und Monate später um Ängste um ein vielfaches gesteigert. Körperliche Angst, sie sitzt im Nacken, im ganzen Körper, sie fühlt sich sehr bedrohlich an. Pillen genommen, Ängste weg, was eine Erleichterung. Das muss diese Angststörung sein, der Arzt hatte recht. Bei mir stimmt da etwas nicht mit der Angst. Die ist einfach viel zu viel. Sexuelle Funktionsstörung dank der Pillen. Ach, wirklich, kann doch eigentlich gar nicht sein? Von dem Medikament? Und wenn doch, das ist doch nicht so schlimm (für eine Frau)?? Tja, da muss man sich halt entscheiden. Entweder Psyche heilen oder Sex haben. Beides geht halt nicht. Andere Medikamente? Ja gibt es schon, aber ist das wirklich so wichtig? Sex? (Stellen Sie sich halt nicht so an.) Nächster bitte.

Oder muss ich vielleicht noch viel früher anfangen? Woher kommen diese Ängste, sofern sie überhaupt falsch, krankhaft, gestört sind und keine gesunde Reaktion auf die Umwelt und sich ändernde Lebensbedingungen? Was hat die Anti-Baby-Pille aus mir gemacht? Was hat sie aus meiner Pubertät gemacht? Migräne mit Aura hat sie mir geschenkt, wie ungefähr allen meinen Freundinnen, die mit 16 Jahren diese Präparate bekamen. Ich habe sie bis heute, also die Migräne. Je nach Belastungssituation sehe ich nur noch die Hälfte. Nach über 12 Jahren beendete ich die Einnahme. Aufgrund dieser Migräne wurden mir auch schon Betablocker angeboten, mit 20 oder so. Weil statt die Probleme des einen "Medikaments" durch Entfernen des Medikaments zu beheben, kann man doch einfach ein weiteres geben. Weil Ärztin A weiß nichts von der Pille und Ärztin B, die von der Pille weiß, weiß nichts von der Migräne mit Aura. Autsch. Ich selbst zog den Schlussstrich. Ich war es satt, diese Hormone in meinen Körper zu hauen, ohne je zu wissen was die Langzeitfolgen sind. Genug geschluckt, zumindest was Hormone angeht. Zum ersten Mal in der Praxis, in die ich seit Jahren ging und meine Rezepte bekam, einen Anamnese Bogen ausgefüllt. Warum ich denn die Pille nicht mehr haben mag. Die Gynäkologin geschockt, auf zweierlei Weisen. Schock eins, der kleinere: Die von mir jahrelang, über ein Jahrzehnt lang eingenommene Pille darf nicht mit Migräne mit Aura kombiniert werden, das Schlaganfall Risiko ist stark erhöht. Man hätte mich als, ja als was eigentlich - Patientin? Mit der Antibabypille behandelt man ja keine Krankheit, das war mindestens einer der Gründe, wieso ich beschloss dieses Ding nicht mehr zu benötigen. Also Kundin? Oder was eigentlich? Naja egal -Jedenfalls hätte man mich ja auch mal fragen können, ich bin normalerweise relativ gesprächig. Aber was ist schon normal? Also dann Schock zwei, der größere: "Wie wollen Sie denn verhindern schwanger zu werden, wenn sie sagen, dass sie keine Schwangerschaft möchten?" Ja wie könnte das gehen? Wie kann frau ohne Hormonpräparat verhüten? Tja, vielleicht ist es ja nicht frau, sondern man, also Mann. Vielleicht gibt es noch weitere Verhütungsmittel, die keinerlei Nebenwirkungen haben. Und gleichzeitig vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen. Wenn man sie immer anwendet, dann sind sie sehr sicher. Bei mir oder besser gesagt dem männlichen Gegenüber hat es jedenfalls immer geklappt. Und es lag nicht an Enthaltsamkeit. Aber Verträge mit Kondom-Herstellern hatte die Praxis wahrscheinlich nicht. Schade für sie. 

Also Pille raus, weg damit. Mein Körper  reagierte mit "erstaunlichen" Symptomen. Ein Jahr Akne wie eine Pubertierende, obwohl ich das nicht mal in der Pubertät hatte und das Ganze mit 27 Jahren. Lebensfreude, Energie, Positivität, Tatendrang, Libido, Veränderungswunsch, sich ausprobieren, neues Entdecken, Erkunden, Erleben. All das erlebte eine deutliche Steigerung mit dem Ende der hormonellen Verhütung. Aber es gab auch tiefe Täler, die immer tiefer wurden. Eine neue Diagnose muss her: wie wäre es mit biploar? Heute würde ich es Psychopharmaka- und Pillen-Absetzsyndrom in Kombination mit komplett außer Rand und Band geratenen Zyklus nennen. Bipolar fand dann nicht mal der Arzt gut, dafür war das Hoch nicht hoch genug, nicht oft genug. Schade, keine Manie. Depression reicht aus. Ja, damit können wir die nächsten Jahre oder Jahrzehnte arbeiten. Depression ist ein Ungleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn. Das ist biologisch. Familienanamnese gemacht, check. Jackpot. Ja, Depression kann genetisch sein, vererbt werden. Alles erklärt. Gründe für die Depression? Brauchts ja keine, alles Biologie. Auf Barcamps gewesen, Vorträge von Suizidversuchen, Psychiatrie, Psychischer Gesundheit gehört. Psychiatrie muss entstigmatisiert werden! #ausderklapse. Hier werden Menschen gesund, da wird ihnen geholfen. Das ist wie wenn sich jemand ein Bein bricht, dann geht er ins Krankenhaus. Wenn sich jemand in der Seele verletzt, dann geht er in die Psychiatrie oder ein psychiatrisches Krankenhaus. Easy. Angst, von Psychopharmaka abhängig zu werden? Wieso, Diabetiker*innen sind doch auch abhängig von Insulin. Achso, ja dann. Psychische Erkrankungen müssen entstigmatisiert werden. Auf jeden Fall! Und dann eben genauso in diesem Zug Psychopharmaka und Psychiatrie. Wirklich? Na wenn ihr das sagt, Psychiatrie-Erfahrene und psychiatrische Pflegekräfte.

Also weiter im Text. Pille weg, neue Lebensfreude, neuer Job. Neue Welle. Shit. Also geht es doch nicht ohne Medikamente?  Aber vielleicht dann doch mal Therapie machen? Neuer Versuch, neues Glück. Hier noch ein anderes tolles Medikament. Mein Wunsch, eines ohne sexuelle Dysfunktion als Nebenwirkung. Stattgegeben. Aber nur weil mir Präparat mit anderem Namen bewilligt wurde. Duloxetin. Nebenwirkungen identisch. Und komischerweise "wirkt" es nicht so wie das andere. Es holt mich nicht aus dem zuvor eigens von ihm geschaffenen Loch, es drückt mich noch viel tiefer rein. Emotional taub, wie in einer Wolke, wie im Nebel. Ne, da hab ich keine Lust drauf. Stop.  Arbeitsunfähigkeit, direkt im neuen Job. Das kommt nicht gut an. Nach einigen Wochen ruft eine Kollegin an, will wissen was ist. "Ich habe eine chronische Erkrankung, sie nennt sich Depression."  Also dann jetzt endlich Therapie. Ohne Medikamente, auch wenn Medikamente doch oft erst überhaupt Therapie ermöglichen? Vielleicht, hoffentlich schaffe ich es ohne. Analytische Therapie. Drei mal die Woche auf der Couch liegen. Alles erzählen, sich alles von der Seele reden. Oder doch nur von den nun tatsächlich durcheinander geratenen Botenstoffen im Hirn das Hirn vernebelt? Auf und ab, Ab und auf. Monate ziehen ins Land. Jahre. Am Ende sind 300 Stunden durch. Ich auch. Durch mit all diesen Psychothemen, endlich geschafft. Vollgas zurück ins Leben, im Job. Alles geben, jetzt wo der Terminkalender nicht mehr von 3 Therapieterminen fragmentiert ist. Ich zeig es den Kolleg*innen und Chef*innen, dass man trotz psychischer Erkrankungen voll einsatzfähig und leistungsfähig ist. Oder auch ein bisschen mehr als das. Teilzeit bleibt, bisschen Zeit für mich möchte ich ja schon auch. Aber man kann doch auch in 32 Stunden alles geben. Zur Not gibts Gleitzeitkonto. Ab jetzt gehts geradeaus weiter, steil bergauf, Psyche gesund, genug von Psychiatern und Psychiatrischen Diagnosen. Denkste. Dachte ich. 4 Jahre keinerlei Pillen mehr. Jetzt geht es erst richtig los! Ende Therapie. Beginn Lockdown. Am selben Tag. Wow. Was für eine Wendung. Komplett neue Situation. Pandemie. Menschen sterben, erst wenige, dann immer mehr. Gewinne brechen ein oder man jammert so lange bis sie es tun oder jeder zumindest glaubt dass sie eingebrochen sind. Der Staat unterstützt die Wirtschaft, wo er nur kann. Hier Kurzarbeitsgeld, da Freizeit streichen, Ausgangssperren verhängen, Kontaktverbote, Grenzen schließen. Die Wirtschaft muss weiter laufen. Arbeiten kann man doch trotzdem. Du darfst in deiner Freizeit maximal 3 Leute privat treffen? Geh auf Arbeit, dort kannst du dich treffen, mit wie vielen auch immer du willst. Oder wenn deine Arbeit es zu lässt: Home-Office Pflicht. Du hast kein extra Zimmer für ein Büro? Ach komm, der Küchentisch tut's doch auch. Kitas zu? Ach komm schon, das bisschen Kinder hüten, macht Frau doch nebenbei noch nebenher. Arbeit breitet sich in die häuslichen Gefilde aus. Für viele die Erfüllung, endlich. Der Beweis, dass Betriebe auch dann weiterlaufen, wenn die komplette Belegschaft von zu Hause arbeitet, sofern es ihr Job zulässt (2024 und 2025 haben viele Betriebe das dann aber irgendwie vergessen, komisch). 

Stress auf Arbeit, Stress mit der Arbeit, Stress wegen der Arbeit und dem, was Arbeitgeber meinen nun tun zu müssen. Arbeitszeit verkürzen, Lohnkosten sparen. Natürlich auch für Teilzeitkräfte, klar. Selbes Recht für alle. Haben die doch selber so entschieden, dass sie weniger arbeiten wollen. Bisschen mehr noch vom weniger, das macht doch nix. Ha! Der mit den 40 Wochenstunden hat das schließlich auch so gemacht: mit seinem Gehalt geplant. Der leidet genauso. Mindestens. Wenn nicht sogar noch mehr. Dagegen hat die mit der Teilzeit es doch auch nicht schwerer. Selber schuld, dass sie Teilzeit macht. Also meine Frau arbeitet ja trotzdem Vollzeit, ist alles eine Frage der Organisation mit Kind und Haushalt. Okay alles klar. Also noch mehr Arbeitsverdichtung. Noch mehr Arbeit in weniger Zeit packen. Das geht schon.

Da sind sie wieder die Ängste. Sie werden immer mehr, der Schlaf leidet auch. Er wird immer schlechter. Ach Mensch, ach Mist. Schon wieder nicht geschafft. Schon wieder versagt. Die Psyche ist einfach kaputt. Das ist halt chronisch bei mir, weiß ich doch schon. Ich habe mir nur was vor gemacht, nicht mal Therapie kann mich retten. Andere haben auch chronische Krankheiten. Damit muss man sich halt abfinden. Andere müssen auch Medikamente nehmen. Die Diagnose ist schnell klar: Rezidivierende Depression, irgendeine Episode. Welche Staffel? Ach, nicht auf Netflix. Ach so. Das ist ja mein Leben und keine Serie, die man ausschalten kann. Ich vergaß. Dann mittelschwer. Das reicht erst mal. Neuer Versuch eine Therapie zu finden. Dieses Mal möchte ich Verhaltenstherapie probieren. Im Oktober 2020, Corona-Lockdown Nummer irgendwas. Nur schade, dass es noch nie einfach war ein*e Therapeut*in zu finden. Jetzt noch mit Corona, die Zahlen für psychische Erkrankungen schießen in die Höhe. Jede*r will, ja braucht eine Therapie. Und wenn man nicht 3 Jahre zwischen letzter und nächster Therapie hat, ist man eh raus. Therapeut*innen, die ich erreiche, haben entweder voll, oder wollen keinen aufwändigen Anträge stellen, wegen der vorangegangen Therapie. Na dann soll es wohl nicht sein. Was zum Schlafen muss her. Dieses mal etwas, das man abends nimmt, etwas das beruhigt. Antrieb, Anspannung, Nervosität habe ich schon genug. Ich muss runterkommen, da gibts doch was oder? Etwas das ganz viele nehmen, die Nachbarin, die Mutter eine Freundin. Etwas das nicht abhängig macht, etwas ganz leichtes, kann man auch nur ab und zu nehmen. Okay, ab zur Hausärztin, Opipramol bekommen für abends. Gleich mittags noch eine eingeworfen, will mich endlich beruhigen. Scheinbar hilft es eine Weile, etwas besser zu schlafen. Tinnitus gibt es gratis dazu. Ich schreibe ihn damals dem Stress zu, klare Begleiterscheinung von Depression oder sagen wir Erschöpfungsdepression? Mir egal, ist doch dasselbe? Egal. Weitermachen, der Mensch muss funktionieren. Aber was dann? Es geht weiter bergab. Ängste steigern sich. Alles ist düster, ich fühle mich leer, keinerlei Gefühle mehr, habe überall Angst. Klar, die ich hab Angst vor Corona. Oder etwa nicht? Irgendwie muss man sich die Angst ja erklären. Und eine Angststörung hab ich ja schon mal bekommen, also als Diagnose. Ich möchte wirklich kein Corona bekommen. Niemand soll mich anstecken. Okay, Januar 2021. Ich gebe auf. Das Medikament hat ja toll geholfen. Aber es liegt ja an mir, es liegt ja in mir, in meiner Psyche. Ich bin das Problem, meine Krankheit. Die Hausärztin ist mit ihrem Latein am Ende. Nun also wieder Psychiaterin. Eine neue, meine Mutter und meine Oma kenne sie auch. Da kannst mal hin. Erstes Gespräch, Anamnese, ich erzähle meine Geschichten. Von den Aufs und Abs, von den Hin und Hers, Medikamente rein, raus, Therapie machen, Therapie beendet. Nun die Angst vor Corona (oder vor was auch immer). Die Ärztin weiß gleich Bescheid. Bei meiner Vorgeschichte und dann noch der Familienanamnese werde ich wohl lebenslang Medikamente nehmen müssen. Schock. Oder Erleichterung? Oder beides. Endlich spricht es jemand aus. Endlich darf ich loslassen, endlich kann ich mich in mein Schicksal ergeben. Andere nehmen auch Medikamente. Die Oma tut es, die Mutter, die Tante, die halb so alte Cousine. Es liegt halt einfach in der Familie. Und überhaupt, es ist doch völlig normal, mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert. Und zur Not kann man immer noch in die Psychiatrie, wenn es nicht mehr ausreicht zu Hause und mit den Medikamenten. Vielleicht Tagesklinik? Oh, ganz viele Monate Wartezeit. Und wenn ich doch sowieso so Angst habe vor Corona? Was soll ich dann unter so vielen Menschen. Nun gut. Also erst mal wieder arbeitsunfähig. Das kennen wir ja schon. Das kennen die Kolleg*innen ja schon. Ich halt mal wieder. War nicht stark genug. Oder hab mir zu viel aufgehalst. Oder beides. Auch egal. Dieses mal ist es schlimm. Ich spüre es, ich weiß es. Es fühlt sich viel schlimmer an als jemals zu vor. Ich sehe nicht mehr darüber hinaus, bin ohne Hoffnung. Ein Häufchen Elend. Nicht mal die vielen Therapiestunden haben etwas gebracht. Da muss es schon wirklich schlimm sein. Eine zusätzliche Diagnose gibt es oben drauf. Ein paar Zwänge, weil ich den Ehemann ab und zu völlig verängstigt frage, ob er auch eine Maske dabei hat. Ja, jetzt ist es raus. Ich bin zwanghaft. Noch eine Weile zu hause ausharren, Häkeln, Malen, Puzzeln, Rausgehen, Kochen, Backen. Ist das Depression? Es wird einfach nicht besser. Die Psychiaterin hat eine Idee, gegen die Zwänge und Ängste am morgen gibt's natürlich auch ein Medikament. Es heißt Sertralin. Das nimmt man dann morgens. Später gebe ich an, dass es meinen Tinnitus verstärkt. Und irgendein Problem mit meiner Blase macht es. Ich nenne es Harninkontinenz. Aber scheinbar macht es meine Ängste am morgen etwas besser.  Aber so richtig bringt es auch nichts, es will mich einfach nicht antidepressiv machen, mich aus dem Loch holen, die Symptome abmildern oder verschwinden lassen. So ein Mist. Die Hausärztin ist irgendwann überzeugt, und sie meint es wirklich gut, ohne Klinik wird das nichts mehr. Ich bin geschockt. Was, Psychiatrie, ich? Wie? Sebastian Fitzek "Die Therapie" kommt mir sofort in den Kopf. Alle möglichen Bücher die eine Psychiatrie als gruseligen Ort beschreiben. Aber das darf man nicht! Das ist eine völlige Verunglimpfung der Psychiatrie, so ist es dort doch längst nicht mehr. Dort wird niemandem mehr à la Frankenstein Strom durch den Kopf gejagt. Wir haben schließlich 2021! Aber vorher brauche ich doch noch mindestens eine Corona-Impfung. Corona ist schließlich so gefährlich ich möchte nicht sterben! Und die Impfung die einzige mögliche Lösung. Was ein Glück, dass meine Episode mittlerweile schon schwer ist. Damit rutscht man in Gruppe 1 der zu Impfenden. Warum eigentlich? Das frage ich mich bis heute. Liegt es daran, dass die meisten der Menschen mit so einer Diagnose vielleicht Medikamente nehmen? Sind die Medikamente vielleicht doch nicht so gut? Manche hemmen das Immunsystem. So toll sind die einfach. Die Medikamente. Also fleißig viele Stunden am Tag auf der Jagd nach Impfterminen. Für meine über 80-Jährige Oma, die, ganz nebenbei auch minimum 3 Psychopharmaka nimmt. Und für meine Mutter als pflegende Angehörige. Und natürlich für mich. Und für meinen Mann, als mein Angehöriger. Endlich, Termine gefunden. Die erste Impfung mit AstraZeneca sehnsüchtig erwartet. Und erhalten. Bei meinem Mann beim ersten Mal leider nicht. Abgewiesen, meine "Krankheit" scheinbar nicht schlimm genug. So eine Frechheit!! Jetzt wird mir hier sogar noch das Kranksein abgesprochen. Immer dieses Stigma mit psychischen Erkrankungen. Unverschämtheit. Beim zweiten Mal klappt es dann auch bei  meinem Mann. Februar 2021. Also los, Vorgespräch in der Psychiatrie. Oh, die sind alle sehr nett. Ich erzähle alles, man schreibt alles mit. Man bietet mir direkt einen Platz auf der offenen Station an, natürlich. Ich bin ja quasi eigentlich normal, man muss mich nicht vor mich selbst schützen. Nur eine Nacht, wegen Corona, bis der negative PCR-Test da ist, werde ich auf der Geschlossenen sein müssen. Danach geht die Reise dann weiter. Menschen auf der geschlossenen Station muss man scheinbar nicht vor Corona schützen. Nur vor sich selbst. Aber ja, bei denen ist's doch eh zu spät für alles, oder?

Nun dann, wieder heim, Koffer packen, Mann anrufen. Mann bringt mich. Alle sagen, dass es gut ist, dass ich das jetzt endlich mache. Naja, fast alle, bis auf meine Mutter. Die damals schon ihre Mutter zwei mal in exakt diese Klinik gebracht hat. Beim ersten Mal war es unumgänglich, Suizid-Versuch. Was bleibt da außer Geschlossene? Aber haben sie der Oma damals nicht auch geholfen? Sie ist halt einfach auch schwer krank gewesen. Und es ging ihr damals einige Jahre sehr gut. Bis der Hausarzt, der Idiot!, ihr ihre Antidepressiva weggenommen hat. Was fällt ihm ein. Er machte sich wohl Sorgen um die Menge der Medikamente, aber ist ihre psychische Gesundheit denn überhaupt nicht wichtig? Sie war doch so stabil damit. Danach ging es steil bergab mit ihr. Tja, kommt davon. Die Depression kommt halt immer wieder zurück, wenn man von Medikamenten nicht geschützt wird. Quacksalber der Hausarzt. Also was bleibt dann? Oma wieder in Psychiatrie zurück. Mit einem neuen Medikamentencocktail ausgespuckt worden. Okay, nicht mehr so gut und stabil wie beim ersten Mal, aber "sie haben sie wieder hinbekommen".

So dann also Aufnahmetag in der Geschlossenen. Erst mal alles potentiell gefährliche abgeben, Nagelschere etc. Alles mit Masken natürlich. Außer mein Zimmer darf ich nirgends hin. Wenigstens das. Ich empfinde es im ersten Moment sogar als angenehm, entspannend. Endlich raus aus dem Zuhause, wo man außer arbeiten eh nicht viel durfte. Dann geht's los, Ärzt*innen oder angehende Ärzt*innen, drei oder vier an der Zahl kommen zu mir. Alle in Schutzausrüstung. Man weiß schließlich noch nicht, ob mein PCR Test negativ ausfällt. Ich werde befragt, erfasst, kartografiert, alles ist wichtig. Wow, endlich will mal jemand meine ganze Geschichte wissen! Sogar Blinddarm-Op wird notiert. Dann Fragen zu (echten) Drogen. Haha. Alkohol? Ne, ist nix für mich. Zigaretten? Ne, maximal eine Schachtel in meinem ganzen Leben. Cannabis? Oh, okay. Hab ich halt mal in der Jugend, später noch ganz selten und vereinzelt im Erwachsenen-Alter. Da wird der Arzt hellhörig, bohrt weiter nach, will wissen wann zuletzt! Oh shit, echt jetzt? Hilfe, was sag ich da jetzt? War es letztes Jahr oder vorletztes Jahr? Kann ich ihm sagen, dass ich Cannabis auch nicht immer gut vertrage? Dass ich schon mal eine Art Film geschoben hab, einmal Angst hatte aus dem Fenster zu springen? Nein, sowas kann man hier nicht sagen. Nachher behauptet er noch, daran würden meine psychischen Erkrankungen liegen. Immerhin ist das hier eine Psychiatrie. Illegale Drogen nicht gern gesehen. Ich lüge irgendwas von vor zwei oder drei Jahren das letzte Mal. Aber ich werde rot, ich werde innerlich panisch. Ich fühle mich am Rand einer Panik-Attacke, dabei hatte ich noch nie eine. Hoffentlich habe ich jetzt nichts falsch gemacht. Cannabis ist doch eine illegale Droge, das ist doch verboten. Nachher bin ich selber schuld an meinen ganzen Problemen. Nachher lag es am Cannabis. Oh gott, hoffentlich kann der Arzt meine Gedanken nicht lesen. Schließlich ist er Psychiater. Die sehen einem das vielleicht an? Schließlich ist Psychiatrie doch der Bereich der Medizin, der sich wissenschaftlich mit der Psyche und all ihren Störungen, die natürlich alle im Gehirn entstehen, also biologisch sind, auseinandersetzt. Er fragt mich, was los ist. Ob alles in Ordnung ist. Er merkt, dass ich am Rande stehe, voller Angst bin. Ja, schon alles in Ordnung. Alles gut. Weiter geht's im Text. Irgendwann ist alles gesagt. Dann muss noch der Körper begutachtet werden. Gewicht, Größe, Kniesehnenreflex, Trizepsreflex. Am Ende wird mir "von gepflegter Erscheinung" und "im guten Allgemein- und Ernährungszustand" im Körperlichen Befundbericht bei Aufnahme attestiert. Also ist auch gepflegt sein wichtig! Und außerdem war ich "krankheits- und behandlungseinsichtig", "freundlich zugewandt und auskunftsbereit" und noch vieles mehr. Eine richtige Musterschülerin äh eher Musterpatientin. Schließlich sind wir nicht in der Schule, wo man von Lehrer*innen beurteilt wird. Hier wird man von Ärzt*innen beurteilt. Obwohl man mittlerweile schon erwachsen ist, aber ist doch egal. Wird ein gepflegtes Äußeres eigentlich auch bei Männern erwartet und dokumentiert?

 

Wer überprüft eigentlich, ob Anti-baby-Pille und Psychopharmaka kompatibel sind? Sind sie das? Ich meine, keines der beiden Pillen sind überhaupt mit einem Körper kompatibel, aber wenn man beide gleichzeitig nimmt, gleicht sich der negative Effekt dann aus wie bei der Multiplikation? Minus mal Minus gibt Plus? Haha. Werden Psychopharmaka nicht, wie der Rest der (echten) Medikamente, fast ausschließlich an weißen cis-Männern klinisch getestet? Obwohl sie dann zum größten Teil an Frauen ausgegeben werden?

War ich doch stets zu viel von etwas, und gleichzeitig nicht genug. Zu laut, zu aufgedreht, zu viel, zu anstrengend und gleichzeitig nicht selbstsicher, nicht durchsetzungsfähig, nicht stark genug. Wie kann das sein? Achso. Ich bin ja eine Frau. Ich vergaß. Wobei, eigentlich vergisst man das nicht. Oder die Welt um einen herum hilft, dass man es auch wirklich nie vergisst.

 

 

 

Was bleibt übrig? Was bleibt mir übrig? Was bleibt übrig von mir? Wenn ich all das Leid, all das was mir und meinem Körper angetan wurde, abziehe? Was bleibt? Was kommt dabei raus? Ist das überhaupt noch eine Gleichung? Oder eher eine Ungleichung? 

 

Wie ein Wunder

Ich bin eine wütende Frau im Internet, die eigentlich nicht an Wunder geglaubt hat. Eine Frau, die die Fähigkeit ihres eigenen Körpers zu heilen wahrscheinlich unterschätzt hat.

Und doch hat sich, wie mir scheint, am 1. Januar diesen Jahres ein Wunder ereignet: Die akute Phase meines Psychopharmaka-Absetzsyndroms endete aus mir bisher nicht genauer bekannten Gründen. Vielleicht war es einfach an der Zeit. Vielleicht dachte sich das Universum, dass der 1. Januar ein guter Tag für einen Neuanfang sei. Ich finde ihn jedenfalls sehr gut. Vielleicht wird das mein zweiter Geburtstag, immerhin ist es jedes Jahr ein Feiertag. 

Ich kann kaum beschreiben, wie es sich anfühlt, aus dieser für mich schlimmsten Hölle entkommen zu sein. Die Hölle aus immer größerer Entfernung zu betrachten, ist manchmal ein seltsames Gefühl. Auch heute stehe ich immer noch tageweise am Abrgund der Hölle. Mein Körper zeigt mir nach wie vor mit diversen Symptomen (wie unheimlich kurzen, unerholsamen Nächten, mit grundlosem Herzklopfen und Herzrasen, tauben Füßen), dass das Ganze noch nicht beendet ist. Ich habe mir aber seit 1. Januar ein Loch geschnitten in die schwarze, unangenehme Plastikfolie die eng über mein Leben und meinen Körper gespannt war. Durch dieses Loch, das kontinuierlich größer wird, kann ich Atmen, zu Kräften kommen, zeitweise das Leben genießen, Lachen, Alltag erleben. Manchmal muss ich vor Freude weinen, weil es mir so gut geht und ich über viele Monate überhaupt nicht mehr daran geglaubt habe, all das jemals wieder erleben zu können. 

 

Ent-täuschung(en)

Ich bin eine wütende Frau im Internet. Aber ich bin auch eine enttäuschte Frau im Internet.

Wurde man erst einmal mit einer psychiatrischen Diagnose versehen, so scheint die eigene (psychische) Gesundheit ein öffentliches Gut, eine öffentlich zu besprechende, zu diskutierende, zu interpretierende, zu beurteilende, zu verurteilende Sache geworden zu sein. Auf einmal wissen ausnahmslos alle, nämlich Eltern, Freund*innen, Therapeut*innen und medizinisches Personal im Familien- oder Freund*innenkreis, ja selbst Nachbar*innen und nur ganz entfernte Bekannte bestens Bescheid, was einer Person fehlt. Sie wissen, wie dieser Person geholfen werden kann und unbedingt muss. Auf einmal erfährt man, was verschiedenste Personen über einen denken, wie sie einen scheinbar verstehen, wie sie dich sehen, wie sie dich beurteilen, bewerten, und verurteilen.

Adultismus ist eine Diskriminierungsform, mit der Kinder und Jugendliche meist von Erwachsenen diskriminiert werden, indem letztere davon ausgehen, von vornherein zu wissen wie ein Mensch ist, was er kann oder nicht kann.

Hat man erst einmal eine psychiatrische Diagnose, gibt es kein Halten mehr, über die Fähigkeiten oder Unfähigkeiten einer Person zu sprechen, in ihrem Beisein, mit ihr, über sie, hinter ihrem Rücken. Das Leiden der Person wird eingeschätzt, abgeschätzt, als selbstverschuldet, nicht schlimm genug um sich helfen zu lassen, so schlimm dass diese Person jetzt endlich "weg" muss, bewertet.

Man erfährt, was beispielsweise Therapeut*innen (auch im engeren familiären Umfeld) oder (bis dato) befreundete psychiatrische Pflegekräfte, die schon in psychiatrischen Krankenhäusern gearbeitet haben, über einen denken, wahrscheinlich schon immer gedacht haben, wie sie meinen ihre Ausbildung sei die Legitimation dafür, ungefragt Beurteilungen von sich zu geben. So erfuhr ich, dass "Kontrolle bei mir ja wahrscheinlich immer schon ein Thema war". Ach wirklich? Wie spannend, danke für die ungefragte Einschätzung. Möglicherweise sind Menschen mit Psychologie-Studium und Approbation oder medizinischer Ausbildung einfach überlegen. Was sie definitiv sind: sie sind über jeden Zweifel erhaben. Jeder Zweifel an dem, was sie in Studium oder Ausbildung erlernt haben, ist unangebracht. Was ihnen bekannte Psychiater*innen sagen, ist Gesetz. Selbst wenn diese im Jahr 2024 noch behaupten, die Serotonin-Mangel-Hypothese sei der "derzeitig aktuelle Forschungs- und Wissensstand". Bei solchen Aussagen empfinde ich wirklich schon fast Mitleid für die Unfähigkeit dieser Personen, sich kritisch mit ihrem eigenen Berufsfeld auseinanderzusetzen. Diese Hypothese wurde nie belegt. Sie ist viel mehr schon längst widerlegt, genau wie quasi jegliches Erklärungsmodell von Depression, das deren Ursache im Gehirn, also in der Biologie auszumachen versuchte. Es ist schon spannend solchen Unfug exakt von den Leuten zu hören, deren selbst ausgegebenes Mantra es immer war: "wer etwas behauptet, belegt." Von Leuten, die sich selbst stets so unglaublich progressiv und ultimativ gesellschaftskritisch gegeben haben. Die sich mit Feminismus und Kapitalismuskritik schmücken, am Ende dann aber die Aussagen und gesammelten Erfahrungen von Betroffenen als "Einzelfälle" und eine unzulässige Verallgemeinerung abtun. Danke für nichts.

Ich dagegen habe mich nur mit Metastudien, die alle (also nicht  nur die positiven, sondern auch die negativen) Studien über die Wirksamkeit von Psychopharmaka  und Berichte von Betroffenen gelesen (Ergebnis: die Medikamente haben keinen bis höchsten einen minimalen Vorteil gegenüber Placebos. Aber selbst für diesen minimalen Vorteil gibt es Erklärungen, und diese sind NICHT mit der Wirksamkeit der Psychopharmaka zu erklären sondern mit deren Abhängigkeitspotential! Es könnte eigentlich alles nicht absuder oder ironischer sein). Ich bin nur die Person, die die schlimmen Symptome tagein, tagaus, ja jede Minute und Sekunde ihres Lebens am eigenen Körper erträgt. Was kann ich schon wissen, wie sollte man mir schon Glauben schenken können? Und ehe man sich versieht, verliert man so von heute auf morgen das Wohlwollen und die Unterstützung dieser Personen. Man wird die uneinsichtige Kranke. Man wird die, die immer noch leugnet, dass sie sehr ernsthafte und natürlich ausschließlich psychische Probleme hat. Die, deren Gehirn krank ist. Die deren krankes Gehirn nicht einsehen will, dass sie sich doch endlich helfen lassen soll. Die, die am Ende selber schuld ist, sollte sie alles verlieren. Das Mantra ist stets: "Die Krankheit ist schuld, nicht die Medikamente." Man muss nicht einmal mehr fragen, wie es der Person, die täglich schlimme Qualen erleidet, geht. Die Sachlage ist klar. Die Akte kann geschlossen werden.

Meine Enttäuschung über diese Personen ist  umso größer, da sie immerhin eigentlich "vom Fach" sind. Weil sie eigentlich in der Lage sein könnten, sich mit den aktuellen, insbesondere kritischen Forschungsergebnissen auf diesem Gebiet auseinanderzusetzen. Weil sie das auch, wie ich finde, tun sollten und müssten, denn sie tragen Verantwortung für Menschenleben durch ihren Beruf.

Die Enttäuschung über das Verhalten von ehemals engen Freund*innen, Nachbar*innen und Bekannten schmerzt natürlich auch. Seien es „nur“ Worte direkt an mich gerichtet oder hinter meinem Rücken, sei es das Nichtglauben meiner Qualen („es kann doch nicht sein, dass du nicht sitzen kann, du willst es nur nicht“), seien es Blicke, seien es handfeste Aktionen. Ich erinnere mich an eine Situation wo mich meine Eltern mitnahmen zum Einkaufen. Ich wollte im Auto bleiben, da mich der Supermarkt komplett reiz überflutet hätte. Sitzen konnte ich auch nicht. Also lief ich, meiner Akathisie geschuldet auf dem Parkplatz auf und ab. Eine Anwohnerin, die ich nicht näher persönlich kenne, fühlte sich dadurch genötigt, die Polizei zu verständigen. Weil sie mir „helfen wolle“ (eigene Aussage). Zum Glück konnte meine Mutter rechtzeitig diese Person auffordern sofort die Polizei wieder abzubestellen. Ein Tipp für alle, die Menschen in Not helfen wollen: wenn weder euer eigenes, das von Dritten oder das Leben der betreffenden Person selber in absoluter Gefahr ist, dann ruft niemals die Polizei. Wenn ihr einer Person helfen wollt und sie offensichtlich keinerlei Bedrohung für euch darstellt (da sie weder bewaffnet ist, noch gewalttätig wirkt oder mit ca. 50 Kilo euch körperlich überlegen ist), dann redet einfach mit der Person. Oder lasst sie in Ruhe und kümmert euch um eure eigene Angelegenheiten, statt sich am Leid von anderen sensationslüstern zu ergötzen. Sonst nimmt euch dieses „helfen wollen“ nämlich niemand ab.

 

 

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